Passionsspiele

Ludwig II. und das Oberammergauer Passionsspiel

von Maximilian Mayet

Passionsspiele sind christliche Bühnendramen, bei denen das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth nachgespielt wird. Solche Spiele waren seit dem Mittelalter in ganz Europa verbreitet und wurden vielerorts zu Ostern aufgeführt. Beim Oberammergauer Passionsspiel werden die letzten fünf Tage im Leben Jesu Christi in einem sechs Stunden langen Stück – Pausen nicht mitgerechnet – auf die Bühne gebracht. Bis heute sind nur Laienschauspieler der Ortsbevölkerung zum Spiel zugelassen. Zu den 41. Passionsspielen im Jahr 2010 kamen über 500.000 Zuschauer aus aller Welt nach Oberammergau.

Blick vom Osterbichl auf Oberammergau mit Passionsspielhaus (Foto: H.K.)

Blick vom Osterbichl auf Oberammergau mit Passionsspielhaus (Foto: H.K.)

Am Anfang war ein Gelübde
Als die Schweden im Dreißigjährigen Krieg marodierend durchs bayerische Oberland zogen, hinterließen sie Hungersnot und Pest. In manchen Regionen Oberbayerns starben mehr als die Hälfte der Bewohner. In Oberammergau wütete der „Schwarze Tod“ im Jahr 1633. Damals gelobten die Oberammergauer feierlich, regelmäßig Passionsspiele abzuhalten, falls der Ort von der Pest befreit würde. Der Legende nach soll daraufhin kein Oberammergauer mehr an der Pest gestorben sein. Erstmals 1634 wurde die Passion auf einer Bühne über den Gräbern der Pesttoten gespielt. Seit 1680 findet das Spiel im 10jährigen Rhythmus statt.

Ludwig II. besucht das Passionspiel
Schon als 15jähriger Kronprinz im Jahr 1860 hatte Ludwig mit der königlichen Familie das Oberammergauer Passionsspiel besucht. Als König wollte er im Passionsjahr 1870 einer Aufführung beiwohnen. Doch das Jahr war überschattet vom deutsch-französischen Krieg. Nach acht Vorstellungen wurden die Spiele abgebrochen und erst nach dem Sieg über Frankreich und der Gründung des Kaiserreiches 1871 wieder aufgenommen.

Separatvorstellung für Seine Majestät
Am 25. September 1871 kam Ludwig II. zu einer Separatvorstellung nach Oberammergau. In Begleitung des Prinzen Ludwig von Hessen reiste der König im einfachen Hofwagen vom nahen Schloss Linderhof an. Schon unmittelbar nach der Aufführung lies Ludwig wissen, welch tiefen Eindruck das Spiel auf ihn gemacht hatte. Am folgenden Tag erging ein königliches Schreiben an den Ortsvorstand von Oberammergau. Der König lobte die „Innigkeit und Vollendung“ des Spiels und spendete 1000 Gulden für die Dorfarmen. Hoffotograph Joseph Albert erhielt den Auftrag, für die private Fotosammlung des Königs Aufnahmen vom Passionspiel zu machen. Albert erstellte 120 Fotos.

Audienz des „Judas“ beim König
Einzelne Hauptdarsteller wurden zwei Tage nach der Aufführung am 27. September 1871 zur königlichen Tafel in Linderhof empfangen. Der Judas-Darsteller Gregor Lechner erinnert sich: „Ich hatte ein banges Gefühl ums Herz, als der König mich zur Audienz hereinbat, doch Seine Majestät war sehr herzlich, und als er mich mit „Ah, Judas!“ begrüßte, da verschwand meine innere Spannung und wir unterhielten uns wie zwei alte Freunde. Er war voller Lob für die Aufführung und sagte mir dann: „Judas, deine Rolle ist eine der schwierigsten“ – und eine der undankbarsten, sagte ich – „für die Menge“ meinte der hochsinnige König, dann, die Hand an die Brust legend: „aber nicht für mich, ich zolle ihr Anerkennung“. „Sag mir, Judas“, fuhr er fort, „wie fühlst Du dich, wenn Du ganz allein auf der Bühne stehst? Ist Dir nicht bange?“ Ich antwortete, dass dies vor Jahren der Fall gewesen war, doch jetzt nicht mehr.“ – Den Christus-Darsteller Joseph Mayr empfing Ludwig noch zwei weitere Mal, wobei er ihm Schloss und Park Linderhof zeigte und sich nach Mayrs Familienverhältnissen erkundigte.

Dank mit Blumen, Zigarren und Bewirtung
Gregor Lechner berichtet, dass Ludwig II. zum Dank für die Separatvorstellung „seinen lieben Ammergauern“ Schloss Linderhof zur Besichtigung öffnen lies. Und: „Mit eigenen Händen wand er [der König] zwei Blumensträuße für die „Maria“ und die „Magdalena“, bestellte eine Auswahl Zigarren für die Männer, und ließ sie dann für mehr als vier Stunden bewirten.“ Lechner fügt hinzu: „Es ist die Belohnung dieser Menschen für ihre Hingabe den ganzen Sommer über. Sie wären arg enttäuscht gewesen, wenn ihr König zum Spiel nicht erschienen wäre und ich bin sehr froh darüber, dass er kam, denn er ist ein wahrer Liebhaber der dramatischen Kunst in ihrer erhabensten Form.“

Zum Dank schenkte Ludwig II. dem Ort eine Kreuzigungsgruppe.

Literatur u.a.:

Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002.