Neuschwanstein

Neuschwanstein – Sagenhafte Ritterburg Ludwigs II.

Sie ist unvollendet und dennoch weltberühmt als Inbegriff einer mittelalterlichen Ritterburg: stolz, imposant, märchenhaft! Ein Meisterstück burgenromantischer Baukunst des 19. Jahrhunderts. Inspiriert von Wagners Bühnenbildern und Heldensagen des Mittelalters entwickelte Ludwig II. seine Vision einer idealen Burg, akribisch durchdacht bis ins Detail. In Neuschwanstein erlebt der König die bittersten Stunden seines Lebens. Hier werden ihm Thron und Freiheit genommen…

Neuschwanstein von der Marienbrücke (Foto: HK)

Neuschwanstein von der Marienbrücke (Foto: HK)

Im Anfang waren Ruinen
Schon Ludwigs Vater hatte im Zeitgeist der Romantik eine alte Burgruine restaurieren lassen: Schloss Hohenschwangau. Auch Ludwigs Neuschwanstein war so ein typisch spätromantisches Projekt. „Ich habe die Absicht, die alte Burgruine Hohenschwangau bei der Pöllatschlucht neu aufbauen zu lassen…“, schrieb er am 13. Mai 1868 an Wagner. Gemeint war die Ruine der Doppelburg Vorder- und Hinterhohenschwangau. Schon in seiner Kindheit war Ludwig mit seinem Bruder Otto dort oben herum geklettert – auf der „Jugend“, einem Felsrücken mit herrlichem Ausblick auf Hohenschwangau, Alpsee, Schwansee und die Tannheimer Berge.

Weggesprengt!
Die alte Doppelburg war eine der ältesten und größten Burgruinen Bayerns. Typisch für Burgen der Stauferzeit, bestand sie aus einem viereckigen Wohnturm auf dem östlichen Felskopf (Hinterhohenschwangau) und einer Palasburg mit Bergfried im Westen (Vorderhohenschwangau) – dazwischen eine 10 Meter tiefe Felskluft. Da Ludwig zur Verwirklichung seiner Vision eine ausreichend große Fundamentplatte brauchte, ließ er die Ruinen samt 8 Metern Fels einfach wegsprengen. Nur die ursprüngliche Position von Viereckturm im Osten und Palas im Westen wurde beim Neubau beibehalten.

Zwischen Viereckturm und Palas fehlt der Bergfried (Foto: HK)

Grandiose Lage „umweht von Himmelsluft“
Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind“, schrieb Ludwig, „heilig und unnahbar… umweht von Himmelsluft“. Die landschaftliche Kulisse ist einzigartig: Aufwachsend aus einem 1000 Meter hohen, steil abfallenden Felsen thront die Burg – weithin sichtbar mit ihrer weißen Kalksteinfassade – 200 Meter über der Talsohle. Im Hintergrund fällt das Ammergebirge mit Tegelberg (1881 m) und Säuling (2047 m) jäh zum Alpenvorland hin ab. Ihr zu Füßen liegt die sanft gehügelte Seen- und Moränenlandschaft des Ostallgäu. Harmonie zwischen Bauwerk und Landschaft – darauf legte der König größten Wert.

Burg ohne Bergfried? Ein Torso!
Über den heutigen Zustand Neuschwansteins wäre der König entsetzt – nicht nur wegen der Massen von Touristen. Das Kernstück der Anlage fehlt! Nach Ludwigs Plänen hätte ein mächtiger, 90 Meter hoher Bergfried mit Kapelle die Burg beherrschen sollen. Erst dieses stauferzeitliche Element hätte den Anblick einer „echten Ritterburg“ geboten. Der Bergfried hätte den Viereckturm (45 m) und den Treppenturm am Palas (65 m) weit überragt – und einen ganz anderen optischen Gesamteindruck erzeugt, als ihn die Burg heute bietet. Bei Ludwigs Tod 1886 war dieser Bergfried nur in Fundamenten vorhanden. Er wurde nie verwirklicht – ebenso wenig wie der Maurische Saal, das Ritterbad und die Terrassenanlage. Das weltberühmte Märchenschloss Ludwigs II. ist ein unvollendeter Torso.

Ludwig II. 1867 – Foto-AK gel. 1900 (Sammlung HK)

Stilecht gegen den Trend: Romanisch!
Bei der Wahl des Baustils bewies der König historischen Sachverstand. Wie er 1868 im Brief an Wagner betonte, wollte er „im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen“ bauen. Bei den Zeitgenossen war damals der gotische Stil populär. 1867 war gerade die neugotische Burg Hohenzollern fertig geworden. Die Gotik galt (nach Goethe) als „deutscher Nationalstil“. Dass sie tatsächlich aus Frankreich stammte, ignorierte man – obwohl es unter Fachleuten längst bekannt war. Ludwig betrieb genaue Studien, legte Wert auf historische Richtigkeit. Seine Burg sollte im romanischen Stil gebaut werden, denn das war der „echte Styl“ einer Burg der Stauferzeit. Dass er dafür „die gehässigsten und bittersten Kritiken“ ernten würde – wie ihm der Wartburg-Maler Michael Welter prophezeite – war ihm egal.
Nach Ludwigs Tod, ab 1890, kam der romanische Stil deutschlandweit in Mode – als Ersatz für die Gotik. Ihr wahrer Ursprung war im anti-französisch gestimmten Kaiserreich nicht länger zu leugnen. Für Ludwigs Entscheidung hatten solche Ressentiments keine Rolle gespielt. Ihm ging es um historische Genauigkeit.

Bühnenbilder werden Wirklichkeit
Im Laufe des Jahres 1867 nahm Ludwigs Idee Gestalt an. Er war mit den Vorbereitungen für die Münchner Neuinszenierungen der Wagner-Opern „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ beschäftigt. Mustergültige Aufführungen im Wagnerschen Sinne sollten es werden: Gesamtkunstwerke in musikalischer Darbietung, Inszenierung, Kostüm und Bühnenbild. Ludwig nahm persönlich Einfluss auf die künstlerische Gestaltung. – Es waren die Bühnenbilder mit Idealansichten mittelalterlicher Burgen, die ihn auf die Idee brachten, eine solche Burg Wirklichkeit werden zu lassen. Stolz verkündet er Wagner am 13. Mai 1868 seine Pläne: „Auch Reminiszenzen aus Tannhäuser (Sängersaal mit Aussicht auf die Burg im Hintergrunde) und Lohengrin (Burghof, offener Gang, Weg zur Kapelle) werden Sie dort finden.“ – Der Komponist geht nicht darauf ein. Überhaupt nimmt Wagner wenig Anteil an Ludwigs Kunstschaffen. Böse Zungen meinen, er sah in den Schlössern seine Geldquelle versiegen.

Romanische Stilelemente am Palas (Foto: HK)

Wagners Tannhäuser: Sünden, Sängerkrieg und Heilige
Die Wagner-Oper mixt den Stoff dreier thüringischer Sagen und Legenden: um den Ritter Tannhäuser, der nach einem Liebesabenteuer im Venusberg nach Rom pilgert, wo ihm ein sturer Papst die Absolution verweigert; Gott selbst überstimmt schließlich den Papst und Tannhäusers Sünden werden vergeben; dann um den sagenhaften Sängerkrieg auf der Wartburg, zu dem Thüringens Landgraf Hermann I. im Jahr 1206 die bedeutendsten Minnesänger seiner Zeit einlädt, darunter Wolfram von Eschenbach (ca.1180-1220), Walther von der Vogelweide (ca.1170-1230), und einen gewissen Heinrich von Ofterdingen, der in Ungnade fällt; schließlich noch die Heiligenlegende der Landgräfin Elisabeth von Thüringen (1207-1231), die – als ihr Gemahl Landgraf Ludwig IV. (1200-1227) beim Fünften Kreuzzug ums Leben kommt – ein Gelübde erfüllt und sich dem christlichen Armutsideal verschreibt: Sie verlässt die Wartburg und widmet ihr Leben als Spitalschwester den Kranken und Notleidenden.

„Nach der Sage, nicht nach Wagner!“
Es entsprach dem Kunstideal der Zeit, wenn der König wollte, dass Bauwerk und Bühnenbilder wirklichkeitsgetreu und historisch genau, naturalistisch und zugleich poetisch verklärt sein sollten. Dafür betrieb er akribische Studien: Er las historische Quellen und Fachbücher, zog Mittelalter-Experten wie Hyazinth Holland (1827-1918) zurate und ließ Bilder der Originalschauplätze beschaffen, um die Entwürfe der Bühnenmaler daran zu messen. Dabei entwickelte er eigene künstlerische Visionen – auch entgegen den Vorstellungen Wagners. 1879 ordnete er an: „Die Bilder in der neuen Burg sollen nach der Sage und nicht nach der Wagnerischen Angabe gemacht werden.“ – Der sachkundige König störte sich an Wagners Anachronismen (= falsche zeitliche Einordnung von Ereignissen, Personen und Objekten).

Die Wartburg – Schauplatz des Sängerkriegs (AK gel. 1921 – Sammlung HK)

Der Bayernkönig auf der Wartburg
Für die „Tannhäuser“-Inszenierung verschafft sich der König Eindrücke aus eigener Anschauung: Am 31. Mai 1867 reist er mit Bruder Otto und Flügeladjutant Sauer nach Thüringen zu den historischen Schauplätzen der Oper. Die Wartburg befand sich seit 1838 im Wiederaufbau. Der Gießener Architekt Hugo von Ritgen (1811-1889) schuf hier im Auftrag des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach (1818-1901) ein Prunkstück der Burgenromantik.
Ludwig ist beeindruckt von dem geschichtsträchtigen Ort: Hier übersetzte Luther 1521/22 die Bibel ins Deutsche, feierte die Jenaer Urburschenschaft 1817 das Wartburgfest. Dem Bayernkönig wird gestattet, allein und ungestört den Sängersaal mit Sängerlaube und Monumentalfresko des Sängerkriegs zu besichtigen. Er sieht auch den gerade fertiggestellten Festsaal, der an die Zeiten des staufischen Rittertums erinnert. Beide Räume – Sängersaal und Festsaal – wird Ludwig in Neuschwanstein zu einer eigenen Variante kombinieren. Sein Sängersaal ist der Parzival-Sage und der Gralslegende gewidmet. – Nach Übernachtung in Eisenach ersteigt der König den Hörselberg und besichtigt die Venusgrotte, die er 1875 in Linderhof nachbauen lässt.

Ludwigs Sängersaal AK ungel. 1913 (Sammlung HK)

 

Schloss Pierrefonds – oder die Frage „Was heißt restaurieren?“
Nur wenige Wochen später, im Juli 1867, reist Ludwig zur Weltausstellung nach Paris. Dort lädt ihn der französische Kaiser Napoleon III. auf eine Landpartie nach Compiégne ein, nach Schloss Pierrefonds. Napoleon hatte es 1858 als Ruine gekauft und im gotischen Stil rekonstruieren lassen – von Eugène Viollet-le-Duc (1814-1879), einem der einflussreichsten Architekten seiner Zeit. Auch in Pierrefonds zieht Ludwig Vergleiche mit Wagners Bühnenbildern. Er fühlt sich an Marke‘s Königsschloss aus „Tristan und Isolde“ erinnert, wie er Cosima von Bülow berichtet.
Vor allem aber weckt Pierrefonds Ludwigs Interesse an den Ideen und Schriften des Architekten Viollet-le-Duc. Dessen Bauwerke (darunter Notre Dame de Paris) waren schon zu Lebzeiten umstritten. Die einen waren begeistert, die anderen fanden, er lasse seiner Fantasie allzu freien Lauf. Viollet-le-Duc vertrat nämlich (1865) den Grundsatz: „Ein Gebäude restaurieren heißt nicht, es zu erhalten, zu reparieren oder es wieder aufzubauen; es bedeutet, es in einen Zustand der Vollkommenheit zurückzuführen, der möglicherweise zuvor nicht existiert hat.“ – In diesem Sinne ging Ludwig seine „Neue Burg Hohenschwangau“ an.

Schloss Pierrefonds AK gel. 1911 (Sammlung HK)

 

„Die bittersten Stunden meines Lebens“ – Abschied von Neuschwanstein
Als der König am 12. Juni 1886 gefangen gesetzt und von Neuschwanstein abgeführt wird, nimmt er Abschied für immer. Seinem Schlossdiener Stichel legt er ans Herz: „Sticherl, leben Sie wohl, bewahren Sie diese Räume als Heiligtum, lassen Sie es nicht profanieren von Neugierigen, denn ich habe darin die bittersten Stunden meines Lebens durchlebt. Ich komme nicht mehr hierher.

Letzte Aufnahme Ludwigs II. ca. 1885 (Foto AK ungel. Sammlung HK)

Massenandrang in „Mad King’s Castle“
Wenige Wochen nach dem Tod Ludwigs II. (13. Juni 1886) wurden die Schlösser „bis auf Weiteres“ zur Besichtigung freigegeben. Dem Volk sollten die „versponnenen Welten“ des „Märchenkönigs“ vorgeführt werden – zum Beweis, dass er „verrückt“ war. So wollte man das Volk von der Rechtmäßigkeit der Entmündigung des Königs überzeugen. Eine abstoßende Wirkung hatten die Königsschlösser aber keineswegs. Schon 1886 war der Ansturm kaum zu bewältigen und die Besucherzahlen wuchsen stetig.
Heute kommen rund 1,5 Millionen pro Jahr nach Neuschwanstein. Weit über die Hälfte davon aus dem Ausland. Neuschwanstein ist ein „Must see“ der Tourismusbranche. „Visit the Mad King’s Castle!“ heißt ein Werbeslogan für die englischsprachige Klientel. Die Lage: „awesome“. Der Anblick: „Disney-like“. Der Bauherr: „Mad King Ludwig“. – Profanierte Heiligtümer.

 

Literatur u.a.:
Bernhard Lübbers, Marcus Spangenberg (Hg.), Traumschlösser? Die Bauten Ludwigs II. als Tourismus- und Werbeobjekte, Regensburg 2015.