Ludwigs Kindheit

Bauklötze, Ritterspiele und Lausbubengeschichten

von Magdalena Greinwald und Katharina Brumbauer

Ludwig wird 1845 in Nymphenburg geboren. Nach überstandener Krankheit im ersten Lebensjahr verlebt er eine unbeschwerte Kindheit unter der Obhut seiner Erzieherin Sybille Meilhaus. Er liebt Bilderbücher, Bauklötze und Ritterspiele, hat tolle Spielsachen, viele Spielgefährten und ein eigenes Pony. Mit den Eltern ist Ludwig oft im Gebirge. Früh zeigen sich typische Wesenszüge: Er ist kreativ, fantasievoll und lausbübisch – und hat ein gutes Herz. Ein ganz normaler Bub.

Schloss Nymphenburg - Sommerresidenz der Wittelsbacher in München (Foto: H.K.)

Schloss Nymphenburg – Sommerresidenz der Wittelsbacher in München (Foto: H.K.)

Geburt mit Zufällen
101 Kanonenschüsse verkünden am 25. August 1845 die Geburt eines Thronfolgers im Königreich Bayern. Ludwig kommt um 0:28 Uhr im „Grünen Salon“ in Schloss Nymphenburg zur Welt, vor den Toren der Residenzstadt München. Sein Großvater König Ludwig I. nennt es eine „göttliche Fügung“, denn: Der 25. August ist auch sein Geburtstag und Namenstag, der Tag des Heiligen Ludwig. Das ist das erste Rätsel um Ludwigs Leben: Kann es den Zufall geben, dass der Thronfolger am gleichen Tag, ja zur gleichen Stunde geboren wird wie der amtierende König? Gerüchten zufolge wurde da getrickst, doch nichts ist bewiesen.

Symbolträchtige Taufe
Getauft wird der Prinz am 26. August im „Steinernen Saal“ zu Nymphenburg. Er erhält die Namen seiner drei Taufpaten: König Otto von Griechenland aus dem Hause Wittelsbach und König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen aus dem Hause Hohenzollern. Großvater Ludwig I. hält seinen Enkel über das Taufbecken – ein Umstand, von dem Ludwig II. später eine „sakrale“ Verbindung zu den Bourbonen ableiten wird: Denn der Taufpate seines Großvaters war einst König Ludwig XVI. von Frankreich. Angesichts so vieler glücklicher Fügungen veranlasste Ludwig I., dass sein Enkel den Rufnamen „Ludwig“ tragen sollte – obwohl ursprünglich „Otto“ vorgesehen war.

Ludwigs Geburtszimmer: der "Grüne Salon" in Nymphenburg (Foto: H.K.)

Ludwigs Geburtszimmer: der „Grüne Salon“ in Nymphenburg (Foto: H.K.)

Eine frühkindliche Krise
Das Baby wurde von einer Amme versorgt, damals üblich in Fürstenhäusern. Sie war eine Bauersfrau aus Miesbach, „dick und gesund“, so dass Ludwig prächtig gedieh. Er war sieben Monate alt, als die Amme unerwartet verstarb. Der Säugling musste plötzlich abgestillt werden. Seine Eltern waren gerade in Berlin, wo Ludwigs Großmutter im Sterben lag. Seine Mutter Marie wünschte, dass man ihr das Baby nach Berlin bringe, damit sie sich kümmern könnte. Doch der Kleine war so schwach und kränklich geworden, dass Leibarzt Gietl davon abriet. Als die Mutter im Juli 1846 – nach vier Monaten – endlich nach München zurückkehrte, hatte sich Ludwig soweit erholt, dass sie ihn an der Poststation in Garching in die Arme schließen konnte. Heute wissen wir, dass Ludwig damals eine minder schwere Gehirnhautentzündung überwand und wohl deshalb später häufig an Kopfschmerzen litt.

Diskussion: Auf die frühkindliche Krise verweisen manche Autoren, um damit Entwicklungen in Ludwigs späterem Leben zu erklären, etwa Beziehungsprobleme und Rückzugsverhalten. Historiker sehen solche Erklärungsansätze kritisch, da sich ein derartiger Zusammenhang nachträglich weder beweisen noch von anderen Ursachenfaktoren abgrenzen lässt.

Der Steinerne Saal, wo Ludwig getauft wurde (Foto: H.K.)

Der Steinerne Saal, wo Ludwig getauft wurde (Foto: H.K.)

Sibylle Meilhaus – Erzieherin und lebenslange Vertraute
Laut Familienchronik war Ludwig von Geburt an in der liebevollen Obhut seiner Erzieherin Sibylle Meilhaus (1814-1881). Zu ihr entwickelte er eine tiefe Zuneigung, die in eine lebenslange Freundschaft mündete. Davon zeugen 82 offenherzige Briefe, die Ludwig bis zu ihrem Tod 1881 an sie schrieb. Für die letzte Ruhestätte der Sibylle Meilhaus auf dem Augsburger Hermanfriedhof stiftete der König ein Grabmal, gewidmet „der treuen Pflegerin seiner Kinderjahre“.
Als Ludwig fast 9 Jahre alt war, am 1. Mai 1854, wurde Sibylle Meilhaus als Erzieherin abgelöst. Marie berichtet, dass Ludwig dies als schmerzlich empfand. Allerdings bedeutete es noch keine vollständige Trennung von seiner geliebten „Millau“. Sie blieb als Erzieherin seines Bruders Otto bei Hofe – auch nachdem sie 1860 den Major August Ludwig Freiherr von Leonrod geheiratet hatte, der als Flügeladjutant bei Ludwigs Vater Max diente. Erst im Jahr 1862, als ihr Mann von München nach Ansbach versetzt wurde, fehlte Sibylle von Leonrod erstmals beim Weihnachtsfest der königlichen Familie. Da war Ludwig bereits 17 Jahre alt.

Diskussion: Manche Biografen attestieren Ludwig Beziehungsunfähigkeit, indem sie auf eine Reihe kurzlebiger Freundschaften in seinem Leben verweisen. Dabei wird von vornherein unterstellt, dass jeweils Ludwig für die Kurzlebigkeit verantwortlich gewesen sei. Und: Es wird übersehen, dass es durchaus Menschen gab, denen Ludwig lebenslang verbunden blieb, ein Beispiel ist Sibylle von Leonrod geb. Meilhaus.Historiker Hans Michael Körner: „Man muss sehr vorsichtig sein, …alles im Leben Ludwigs von seinem Ende her zu interpretieren.“

Königsfamilie in Hohenschwangau - Zeichnung von Erich Correns (Druck von 1899 - Sammlung H.K.)

Königsfamilie in Hohenschwangau – Zeichnung von Erich Correns (Druck von 1899 – Sammlung H.K.)

Unternehmungslustige Königsfamilie
Die gemeinsame Zeit der jungen Familie war knapp bemessen. Die Eltern hatten als bayerisches Kronprinzenpaar und ab 1848 als König und Königin von Bayern viele Verpflichtungen. Zu den obligatorischen Reisen durch das Königreich kamen die oft monatelangen Kuraufenthalte des Vaters.
Dennoch war das Privatleben der Familie abwechslungsreich: Während der Winterzeit in der Münchener Residenz gab es gemeinsame Theaterbesuche, Kirchgänge und Spaziergänge im Englischen Garten. Die wärmere Jahreszeit verbrachte man in Schloss Nymphenburg oder auf einem der ländlichen Familiensitze: Schloss Hohenschwangau, Schloss Berg am Starnberger See oder die königliche Villa bei Berchtesgaden. Hier unternahm die Familie viele Ausfahrten, Wanderungen und Reitausflüge. Vater Max nahm die Söhne mit zur Jagd, die Mutter ging mit ihnen Bergsteigen und Fischen – Eindrücke, die Ludwig nachhaltig prägten: Zeitlebens blieb er naturverbunden, liebte das Gebirge und hatte ein großes Bedürfnis nach Bewegung in frischer Luft.

Spielsachen und Haustiere
Der 6jährige Ludwig liebte es, wenn man ihm Geschichten vorlas und Bilder dazu zeigte. Er kostümierte sich gern und spielte Theater. Dem 7jährigen schenkte der Großvater einen Satz Baustein-Hölzer, mit dem man das Siegestor nachbauen konnte. Im geschickten Umgang seines Enkels mit Bauklötzen glaubte der alte König eine „auffallende Ähnlichkeit“ zu seiner eigenen Bauleidenschaft zu erkennen. Vom Onkel Adalbert bekam der 13jährige Ludwig ein Ritter-Turnier-Spiel, das ihn begeisterte und das er „fast täglich“ mit Otto spielte. Weiter erfahren wir von Dampfschiffen, die man schwimmen lassen konnte, einem eigenen kleinen Garten zum „Botanisieren“ und von lebendigen Tieren: eine Schildkröte, zwei Eichhörnchen, die im Zimmer der Prinzen einen großen Käfig hatten, und ein eigenes, schwarzes Pony. Die Reitstunden bekam Ludwig bei Herzog Max in der Von-der-Tann-Straße.

 ____________Ludwig und Otto - Foto-AK 1900 (Sammlg. HK)

_________Ludwig und Otto als Kinder – Foto-AK 1900 (Sammlg. HK)

Spielen mit Verwandten und Hofangestellten
Die Prinzen hatten regelmäßig Kontakt zu anderen Kindern. Unter den Spielgefährten waren die Cousinen und Cousins aus dem Hause Wittelsbach: die acht Kinder des Herzogs Max in Bayern (darunter Sisi, spätere Kaiserin von Österreich, und Sophie, Ludwigs spätere Verlobte) oder die verwandten Prinzen von Hessen-Darmstadt. Die Söhne Prinz Luitpolds von Bayern (Leopold und Ludwig, späterer König Ludwig III.) kamen jahrelang fast jeden Sonntag zu Besuch. – An den „wilden Spielen“ im Schlossgarten nahmen auch Kinder von Hofangestellten teil: darunter die kleine Baronin von Lerchenfeld, die sich beim Tanz mit dem hochgewachsenen Ludwig so fest an seine Uniformjacke krallte, dass sie ihm einen Knopf ausriss. Mit dem Sohn des königlichen Leibarztes Gietl spielte Ludwig mit Vorliebe Ritter, wobei Erzieherin Meilhaus mit einem Schleier als Rittermantel aushalf.

Zwangloser Umgang mit Bürgerlichen
Den Spielkameraden war es verboten, Ludwig und Otto die Hand zu küssen oder sie mit „Königliche Hoheit“ anzureden. Max II. wünschte, dass seine Söhne „normal“ behandelt würden. Die königlichen Eltern pflegten selbst freundschaftliche Kontakte zu Bürgerlichen. Deshalb durfte Ludwig durchaus mit dem Sohn des Gärtners von Schloss Berg spielen, den er „Wunderpeter“ nannte und der ihn zum Lachen brachte, indem er sich den Grashang hinunterkugelte. – Etwas zu zwanglos benahm sich der kleine Graf Tony Arco: Im Streit versetze er Ludwig eine Watschn, worauf er bei der nächsten Einladung zum Spielen übergangen wurde.

Ludwig und die Schildwache
Als Ludwig 7 Jahre alt war, begleitete er seine Eltern nach Bayreuth, wo man in der „Eremitage“ Quartier nahm. Ludwig hatte gerade die Wachablösung beobachtet – als die königliche Familie gemeinsam zu Mittag aß. Ludwig fragte seinen Vater, ob die Wachtposten auch schon gegessen hätten. Der Vater verneinte. Sogleich wollte Ludwig dem Soldaten ein Stück von seinem Fleisch bringen. Doch König Max erklärte ihm freundlich, dass ein Soldat nichts annehmen dürfe, wenn er auf Wache stünde. Nun hatte Ludwig eine Idee: Er könne sich ja leise an den Posten heranschleichen und ihm heimlich ein Stück Fleisch in die Tasche stecken. – Das wurde ihm erlaubt! – Daraufhin nahm auch der 4jährige Otto seinen ganzen Kuchen und stopfte ihn in die Patronentasche des Wachsoldaten.

Hohenschwangau: Hier verbrachte Ludwig als Kind viel Zeit (Foto: Christian Walther)

Hohenschwangau: Hier verbrachte Ludwig als Kind viel Zeit (Foto: Christian Walther)

Arme Zinnsoldaten
Vom Spiel mit dem Kronprinzen berichtet Helene von Racowitz (1843 – 1911), Tochter des Diplomaten Wilhelm von Dönniges, wie sie einmal gemeinsam den schönen, großen Zinnsoldaten die Köpfe umdrehten. Als Helene daraufhin an Andersens Märchen vom Zinnsoldaten erinnerte, brach Ludwig in Tränen aus, „weil wir nun so viele solch herrlicher kleiner Zinnsoldaten getötet hätten!“ Da begann auch Helene zu weinen, bis ihr – als der zwei Jahre Älteren – einfiel, dass Zinnsoldaten doch nicht so lebendig sein könnten. Das sah auch Ludwig rasch ein und schon waren beide wieder fröhlich und ausgelassen.

Lausbubenstreich mit Spucke
Ludwig wurde angehalten, zu allen Untergebenen besonders artig zu sein, berichtet Helene. „Es war wieder in Hohenschwangau, – als wir beide aus einem Fenster schauten und das von allen Kindern so beliebte Spiel des Hinunterspuckens – wahrscheinlich von mir angeregt – trieben. Natürlich war Baronin Mailhaus in genügender Entfernung. – Da traf es sich, daß gerade meines Vaters alter Diener vorüberging; er bekam unsre Sendung direkt auf den Kopf – wir lachten uns halbtot. Der Alte hob den Blick; mit zorniger Stimme rief er: „Ja, wer treibt denn da jetzt solch’ne Schw…“, als er aber den Kronprinzen erkannte, schwieg er bestürzt. Unsre Freude jedoch dauerte nicht lange – das Verhängnis nahte – Baronin Mailhaus ergriff uns Sünder an den Röckchen und zwang uns zu gestehen – was wir halb zitternd, halb noch von unsrer Großtat erfreut, auch taten. Sie aber setzte eine gar strenge Miene auf, rief den alten Diener und gebot dem Kronprinzen, sich ganz demütig beim Diener zu entschuldigen. Natürlich mußte ich das gleiche tun. Der Alte war furchtbar gerührt und beschämt; – aber als er das Zimmer verließ und wir beide mit hochroten Gesichtern fortschlichen – sagte der Kronprinz leise zu mir: „Es war wirklich nicht schön von uns! Der Alte tut mir sehr leid – ich will ihm etwas schenken!

Wildes Ende einer Kinderfreundschaft
Ludwigs Freundschaft mit Helene endete nach einigen Jahren – von beiden ungewollt – nach einem Streit über ein Bilderbuch. „Wer das Bilderbuch wollte – wer es hatte – ich weiß es nicht mehr, nur, daß wir beiden guten Kameraden plötzlich im wüstesten Handgemenge waren, daß ich auf den Kronprinzen einpuffte und er, als Sieger – eine Handvoll meines goldroten Haares ausgerissen in der kleinen Hand hielt.“ Erzieherin Sybille Meilhaus gelang es nicht, die beiden zu trennen, die „wie junge Katzen ineinander verbissen waren“. Plötzlich erschien Königin Marie: „Aber Kinder! seid ihr toll – wir könnt ihr nur!“  Helene und Ludwig brachen in Tränen aus, die Königin „sprach gütig auf uns ein“ und sorgte dafür, dass die Kinder sich entschuldigten und versöhnten. Doch während Ludwigs Eltern „den Streit als einen unter Kindern gleichgültigen bezeichneten“, war es Helenes Vater, der die Freundschaft „zwischen seiner Königlichen Hoheit und meiner Wildheit“ zukünftig unterband. „Mein Vater sprach, nachdem er mir scharf ins Gewissen geredet, das große Wort: „Seinen künftigen König prügelt man nicht! Du bist dieses auserlesenen Umgangs nicht wert!“ Helene durfte Ludwig nur noch zu seinen Geburtstagen besuchen. – Viel später ließ König Ludwig ihr einmal Bonbons überbringen mit den Worten: „Grüßen Sie mir meine einstige, wilde kleine Spielgefährtin.“

Diskussion: Im Gegensatz zu solchen Berichten, liest man immer wieder, Ludwig sei zum Hochmut gegenüber Untergebenen erzogen worden. Vieles spricht dagegen, dass dem so war. Gegebenenfalls hätte es nicht gefruchtet: Zeitzeugen, die König Ludwig persönlich nahestanden oder ihm begegnet sind – Freunde, Beamte, Diener, Wirtsleute, Förster, Waldarbeiter oder Bergbauern – haben einmütig hervorgehoben, dass der König im Umgang mit Mitmenschen stets gütig, leutselig, großzügig und mitfühlend war – die zweifelhaften Zeugenaussagen, die für das psychiatrische Gutachten gesammelt wurden, ausgenommen.

Literatur:
Alfons Schweiggert, Der Kronprinz. Kindheit und Jugend König Ludwig II. von Bayern, Pfaffenhofen 1995.
Christiane Böhm, „…Dein treuer Freund Ludwig“ oder Warum auch ein König keinen Elefanten bekam. Eine Biographie König Ludwigs II. von Bayern für Jung und Alt, München 2011.
Gottfried von Böhm, Ludwig II. König von Bayern. Sein Leben und seine Zeit, Berlin 2. Aufl. 1924.
Helene von Racowitz [geb. von Dönniges], Von Anderen und mir. Erinnerungen aller Art, Berlin 2. Aufl. 1909.