Bergresidenzen

Ludwigs Residenzen „auf liebgewonnenen Bergeshöhen“

Zwölf Bergresidenzen besaß Ludwig II. im Gebirge zwischen Lech und Isar. Das waren ganz bescheidene Berghütten. Der König besuchte sie regelmäßig nach einem festen Plan. Er liebte die Bergeinsamkeit, begeisterte sich für die Schönheit der Alpen und fand die ersehnte Ruhe. – Wie verbrachte der König die Zeit in den abgeschiedenen Berghütten? Warum ging er ins Gebirge, anstatt sich, wie andere Monarchen seiner Zeit, bejubeln zu lassen?

Blick vom Herzogstand ins Ammergebirge (Foto: H.K.)

Blick vom Herzogstand ins Ammergebirge (Foto: H.K.)

Ludwigs Berghäuser im Überblick
mit dazugehörigen Talstützpunkten

Walchensee
• Königshaus am Herzogstandsattel (1575m) mit den Talstützpunkten Kochel und Schlehdorf
• Königshaus in der Vorderriß (809m) am Zusammenfluss von Rißbach und Isar, neben Forsthaus Vorderriß
Hochkopfhütte (1299m) am Altlacher Hochkopf mit Talstützpunkt Forsthaus Altlach (Bräuhof)
• Haus am Grammersberg (ca. 1550m) über der Ortschaft Fall beim heutigen Sylvensteinspeicher

Ammergebirge
• Häuser am Pürschling (1565m) und Brunnenkopf (1602m) mit Talstützpunkt Linderhof
Halbammerhütte beim „Wilden Jäger“ (980 m) im Halbammertal mit Forsthaus Unternogg (840 m) am Taleingang
Kenzenhütte (Königshäusl) im Kenzengebiet (ca. 1250m) bei Halblech, nahe Hohenschwangau

Allgäu
• Königshaus am Tegelberg (1707m), nahe Hohenschwangau
• Schweizerhaus in der Bleckenau (1167m), nahe Hohenschwangau

Vorkarwendel
Soiernhaus (1610m) mit dem Postgasthof in Krün als Talquartier

Zugspitzland
• Königshaus am Schachen (1865m) mit Mittelstation Elmau und Talstützpunkt Hotel Post Partenkirchen

Ludwigs Bergresidenzen und Talquartiere (Zeichnung: Sebastian Schrank, Alpenvereinsjahrbuch Berg 91)

Ludwigs Bergresidenzen und Talquartiere (Zeichnung: Sebastian Schrank, Alpenvereinsjahrbuch Berg 91)

Pirschhäuser des Vaters
Ludwigs Vater Max II. hatte seit etwa 1835 eine Reihe von schlichten Jagdhütten errichten lassen. Er war passionierter Jäger, besaß Jagdrechte in den Revieren von Hohenschwangau, Ettal, Garmisch und Mittenwald und nutzte die Pirschhäuser, um bei der Hochgebirgsjagd zu übernachten. Als Max 1864 starb, kaufte Ludwig die Hütten aus der väterlichen Hinterlassenschaft.

Ludwig: Kein Freund der Jägerei
Anders als viele seiner Vorfahren verabscheute Ludwig II. die Jagd. Er liebte die Berge, weil er dort Ruhe finden und die Natur genießen konnte. Am 29. April 1870 ordnete er an, dass die Ausübung des Jagdvergnügens jeweils dort zu unterbleiben habe, wo er sich gerade aufhielt.

Die Gebirgshäuser Ludwigs II. - heute beliebte Ausflugsziele (Foto: H.K.)

Die Gebirgshäuser Ludwigs II. – heute beliebte Ausflugsziele (Foto: H.K.)

Frischluft und Bewegung
Ludwig hatte einen großen Bedarf an frischer Luft und Bewegung, fühlte sich sonst nicht gesund, wie er oft betonte. Seit Kindertagen war er häufig mit den Eltern im Gebirge gewesen und unternahm sportliche Bergtouren. Das viele Sitzen bei Audienzen, Beratungen und Regierungsgeschäften machte dem jungen König zu schaffen.

„… wieder in der Hauptstadt, wo ich, wie Du Dir denken kannst, sehr in Anspruch genommen bin; in einem Fort Ministervorträge, Audienzen, Tafeln, Besuche… ein immerwährendes Gehetz. Herrlich war es in meinem lieben Hohenschwangau, wo ich viel Zeit zum Lesen hatte u. die nöthige Bewegung machen konnte, der allein ich meine gute Gesundheit verdanke …“, schreibt der 22-jährige Ludwig an Sibylle von Leonrod am 30. Dezember 1867.

Ludwig, der Bergromantiker
Eindrucksvoll kommt Ludwigs Begeisterung für die Gebirgswelt in einem Brief an Wagner vom 21. Juni 1865 zum Ausdruck: „Diesen Brief schreibe ich auf einem Berge, in hoher Alpengegend, entrückt dem Getreibe der Menschenmenge. (…) Längst sank die Tagesleuchte hinab, verschwand hinter den hohen Bergesketten; Friede herrscht in den tiefen Thälern, das Geläute der Herdenglocken, der Gesang der Hirten drang hinauf zu meiner wonnigen Einsamkeit; der Abendstern entsendet sein mildes Licht der Ferne, zeigt dem Wanderer den Weg aus dem Thale …“.

Abendstimmung am Herzogstand (Foto: H.K.)

Abendstimmung am Herzogstand (Foto: H.K.)

Die „Bergresidenzen“ entstehen
Manche Jagdhäuser des Vaters ließ Ludwig durch Neubauten ersetzen (z.B. Kenzen). Andere nutzte er als Pferdestall oder Personalunterkunft und ließ direkt nebenan ein neues Berghaus errichten (z.B. Herzogstand). Einige Pirschhäuser übernahm Ludwig so wie sie waren (z.B. Hochkopfhütte) und ließ den benötigten Stall für die Pferde und die Lakaienhütte ergänzen. – Nur an zwei Plätzen, die Ludwig II. für Gebirgsaufenthalte nutzte, existierte vorher kein Jagdhaus des Vaters: auf dem Schachen und bei den Soiern.

Pavillons und Parapluis
Auf umliegenden Gipfeln und Aussichtspunkten bei den Berghütten ließ der König Pavillons errichten: Drei gab es im Umfeld des Herzogstandsattels, einen beim Schachenschloss und einen auf der Schöttelkarspitze bei den Soiern. Am Hochkopf wurde der Gipfelrundweg mit mehreren Parapluis ausgestattet: Bänke mit einer Art Sonnenschirm aus Holz. Auch am Reitweg zum Herzogstand gab es einen solchen Freisitz.

Bescheidene Ausstattung und drei Diener
Von einem „Märchenkönig“ erwartet man nicht, dass er sich mit schlichten Berghäusern zufrieden gibt. Doch Ludwig II. war in seinen Gebirgshütten mit nur zwei oder drei kleinen Zimmern zufrieden. Auch der „Hofstaat“, den der König mit auf die Hütten nahm, bestand nur aus drei einfachen Dienern: ein Leibdiener, ein Koch und ein Pferdeknecht, der auch Kurierdienste übernahm.
Die Ausstattung der Hochkopfhütte kann als beispielhaft gelten. Sie wurde von Hofkoch Theodor Hierneis beschrieben: „… drei einfache Zimmer für den König. Sie sind mit geringen Mitteln etwas wohnlich gemacht, der Boden ist mit einem grauen rupfenähnlichen Wollteppich belegt, die Wände mit Jagdstichen und Familienbildern behängt. Im Schlafzimmer ein runder Tisch mit einer Petroleumlampe, in der einen Zimmerecke ein Kachelofen, in der anderen das simple hölzerne Bettgestell, dazu ein paar Stühle, ein geschnitztes Kruzifix – wahrlich armselig im Kontrast zu Schloß Linderhof oder Herrenchiemsee.“

In Ruhe arbeiten
Ludwig II. schätzte seine Berghäuser als Orte der Ruhe. In der Abgeschiedenheit des Gebirges konnte der König ungestört und konzentriert arbeiten: Er beschäftigte sich mit seinen Bauprojekten (Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Falkenstein), erledigte aber auch pflichtbewusst und unverzüglich die anfallenden Regierungsgeschäfte. Die Akten wurden per Kurier zum Berg gebracht und umgehend vom König bearbeitet. Ungestört zu sein, war Ludwig so wichtig, dass er die Bergfahrten unabhängig vom Wetter konsequent durchführte.

Blick über den Isartalboden mit Wallgau, Barmsee und Krün (Foto: H.K.)

Blick über den Isartalboden mit Wallgau, Barmsee und Krün (Foto: H.K.)

Lesen mit Ausblick
Ludwig war ein leidenschaftlicher Leser, nutzte jede freie Minute, um sich in eine Lektüre zu vertiefen. In den Bergresidenzen stieg er zum Lesen zu einem der Aussichtspavillons hinauf oder suchte sich einen anderen schönen Platz mit herrlichem Ausblick. „O, es gehört zu den größten Freuden, den Geist in jene wundervollen Werke von Zeit zu Zeit zu versenken, gehoben, wahrhaft neu gestärkt, wendet man sich dann aufs neue dem wirklichen Leben zu!“ (Ludwig an Sibylle v. Leonrod, München 22. Januar 1865)

Ludwig las gerne die Klassiker: Schiller, Lessing und Goethe. Schillers Idealismus gefiel dem König besonders, er kannte weite Teile der Werke auswendig. Er befasste sich auch mit den Dramen Shakespeares und Victor Hugos, dessen Sprache er zwar bewunderte, aber beklagenswert fand, „daß der sonst so große Dichter mit besonderer Vorliebe gegen das Königthum donnert.(Ludwig an Sibylle v. Leonrod, Schachen, 28. August 1880)

Auch für Geschichte interessierte sich Ludwig sehr. Er las Biographien, zum Beispiel von Königin Marie Antoinette, „dieser schönen, so tief unglücklichen Fürstin, welche aus allen Schicksalsschlägen geläutert hervorging u. wahre Seelen-Größe zeigte … – Nie kann ich Ihre Geschichte ohne Ergriffenheit lesen“. (Ludwig an Sibylle von Leonrod, Hohenschwangau, 16. Juli 1874)

Abstand vom 19. Jahrhundert
Die abgeschiedenen Berghütten waren Orte, wo Ludwig Abstand gewinnen wollte. Die Naturschönheiten und das Lesen entschädigten ihn „für so manches Herbe u. Schmerzliche, das die traurige Gegenwart, das mir sehr zuwidere 19te Jahrhundert mit sich bringt.“ (Ludwig an Sibylle v. Leonrod, Hohenschwangau, 16. Juli 1874)

Was war Ludwig „zuwider“?
Das Hofleben empfand Ludwig als hektisch, hatte oft das Gefühl, nicht zu sich selbst zu finden. Hofbälle, belanglose Gespräche und Schmeicheleien hasste er. In politischen Fragen war Ludwig interessiert, kritisch und gestaltungswillig. An der Selbstherrlichkeit seiner Minister rieb er sich deshalb auf. Endgültig nach der Reichsgründung 1871, als Bayern die Selbstständigkeit verlor, war Ludwig klar, dass er nicht so König sein konnte, wie er es wollte. Doch das widersprach seinem Selbstverständnis als Monarch, der seinen Eid noch zu anderen Zeiten geschworen hatte und sich für das Glück seines Volkes unmittelbar verantwortlich fühlte. Nachvollziehbar, dass Ludwig bei so vielen Reibungspunkten mit der Welt und angesichts ganz anderer, für ihn unverrückbarer Ideale Abstand suchte – den er in seinen Bergresidenzen fand.

Literatur:
Gisela Haasen, Ludwig II. Briefe an seine Erzieherin, München 1995.
Traudl Stürmer (Hg.), König Ludwig II. speist. Erinnerungen seines Hofkochs Theodor Hierneis, München 2010 (Erstausgabe 1953), 29.
Christof Botzenhart, „Ein Schattenkönig ohne Macht will ich nicht sein“. Die Regierungstätigkeit König Ludwigs II. von Bayern, München 2004.